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Teil 1: Was ist Anerkennung? Über die schwierige Suche nach einem alltäglichen Begriff

| Filed under Anerkennungskultur Theorie

Als ich damals anfing meine Diplomarbeit über das Thema der „Anerkennungskultur in sozialen Organisationen“ zu schreiben, war ich sehr optimistisch (und zugegeben etwas blauäugig), dass meine einleitenden Recherchen zu den Begriffen ‚Anerkennungskulturund ‚Anerkennung’ recht erfolgsversprechend sein würden. Ich hatte zuvor ein Praktikum in einer Organisation absolviert, die sich auf das Ehrenamts- bzw. Freiwilligenmanagement spezialisiert hatte, und war angefixt von den in der Freiwilligenarbeit selbstverständlich gebrauchten Vokabeln. Anerkennung ist der Lohn für freiwilliges Engagement und Gelingende  Freiwilligenarbeit braucht eine gute Anerkennungskultur. Punkt. So einfach ist das.

Ich stand also in der Bibliothek meiner Universität und probierte am Computer alle möglichen Schlagwörter aus, in dem Glauben, das Katalogverzeichnis würde mir eine gute Anzahl an Literaturtiteln nennen, die mir bei der wissenschaftlichen Recherche zu meinem Thema nützlich sein könnten. Aber so einfach war es nicht. Zum Ende meiner Suche hatte ich die magere Ausbeute von nur zwei Titeln in der Hand, in denen der Anerkennungsbegriff ausdrücklich untersucht wurde: zum einen Axel Honneths „Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte“ und zum anderen Paul Ricoeurs „Wege der Anerkennung“. (Weniger explizit, aber dafür inhaltlich passend, ist darüber hinaus John Deweys Werk „Demokratie und Erziehung. Eine Einleitung in die philosophische Pädagogik.“). Auch die anschließende Recherche im Internet offenbarte sich als nicht sonderlich zufrieden stellend. Als einziger Lichtblick erwies sich hier nur die Dissertation „Der Begriff der Anerkennung“ von Limmer. Den Begriff der „Anerkennungskultur“ suchte ich in der wissenschaftlichen Diskussion dagegen vergeblich.

Zugegeben, angesichts der offenkundigen Allgegenwärtigkeit der Anerkennungsthematik, hatte ich mehr erhofft. Wer kennt nicht selbst das Gefühl von einer anderen Person anerkannt zu werden – oder auch nicht anerkannt zu werden? Im Berufsleben, in der Liebe, in der Freundschaft, beim Einkaufen, beim Chatten, beim Bloggen? Wie fühlt man sich als Blogger, wenn man haufenweise lesenswerte Artikel ins Netzt stellt, aber niemand einen Kommentar hinterlässt? Wie fühlt es sich an befördert zu werden oder von einem Kollegen ein Lob über den Verlauf des letzten Projekts zu bekommen? Anerkennung – und ihr Gegenteil die Missachtung – gehören zum Leben dazu. Während meiner Zeit(en) als Praktikantin, zum Beispiel, gehörten sie es auch.

Anerkennung ist eindeutig vieldeutig

Fragt man eine beliebige Person, was für sie die Anerkennung (von einem selber oder von anderen) auszeichnet, wird man in der Regel nicht lange auf eine Antwort warten müssen. Von dem Begriff der Anerkennung hat jede Person eine (zumindest vage) Vorstellung. Aber genau dort liegt auch das Problem: Jeder stellt sich etwas anderes vor.

Anerkennung ist genauso vieldeutig wie eindeutig. Sagt eine Person z.B. „Ich fühle mich nicht anerkannt.“, so könnte der Gesprächspartner der Aussage durchaus begegnen, indem er erwidert: „Dir geht es wie mir. Ich fühle mich auch nicht anerkannt.“ Aber meinen die beiden Personen wirklich dasselbe?

Anders als Aussagen wie „Ich bin müde“ oder „Ich habe Hunger“, die entweder auf einen Mangel an Schlaf oder Nahrung hinweisen, ist es im Falle fehlender Anerkennung zunächst schwierig, in eindeutiger Weise zu erkennen, an welchem Mangel die betreffende Person wirklich leidet bzw. welches Bedürfnis hinter dem Wunsch nach Anerkennung steht. So könnte das Bedürfnis nach Anerkennung z.B. gleichgesetzt werden mit „respektiert werden“, „ein Lob bekommen“, „wahrgenommen werden“, „verstanden werden“, „befördert werden“, „Bewunderung erhalten“, „Privatsphäre bewahren“, „Ansehen gewinnen“, „belohnt werden“, „von anderen unterschieden werden“, „geliebt werden“, „motiviert werden“, „Mitglied werden“ usw.

Genauso verschieden, wie die Motive sind, die hinter dem Wunsch nach Anerkennung liegen, können dementsprechend auch die Maßnahmen sein, die zur Befriedigung des jeweiligen Bedürfnisses herangezogen werden müssen. Auf welche Weise man z.B. einer Person Respekt zeigt, auf welche Art und wofür man ein Lob ausspricht oder wie eine Person für eine bestimmte Handlung belohnt werden möchte, unterliegt immer sowohl den subjektiven Vorstellungen der betreffenden Personen als auch situativen, kulturellen und historischen Bedingungen.

Der Erwerb einer Auszeichnung als „Mitarbeiter des Monats“ ist – beispielsweise in den USA – ein gängiges Mittel zur Mitarbeiterbewertung, bei der die Mitarbeiter mit Hilfe eines Punktesystems in einen Leistungswettbewerb zueinander treten, an dessen Ende ein einzelner Gewinner ermittelt wird. Hierzulande ist eine solche Form der Anerkennungsbezeugung dagegen eher seltener anzutreffen, da die Wertvorstellungen, die dem Geben von Anerkennung zugrunde liegen, auf anderen kulturellen Wurzeln gründen. An Werten wie  „Gleichheit“, „Demut“ und „Selbstbescheidenheit“ wird sich in vielen Arbeitsbeziehungen – und besonders in der Sozialen Arbeit –  (noch) häufiger orientiert als an Werten wie „Individualität“, „Leistung“ oder „Selbstüberzeugung“.

Unterschiedliche Sichtweisen in der Literatur

In der Literatur wird das Thema Anerkennung oftmals nur unter einem ganz speziellen Blickwinkel betrachtet. Die Arbeitspsychologie beispielsweise untersucht Anerkennung gerne unter dem Aspekt der ‚Motivation’. Auf Basis arbeitspsychologischer Studien und Theorien soll herausgefunden werden, in welchem Zusammenhang Motivation und Leistung stehen, wie sich bestimmte Anreize auf die Motivation auswirken, welche Belohnungen sinnvoll sind, welche Auswirkungen Strafen haben, welchen Einfluss innere Einstellungen sowie Persönlichkeitsmerkmale auf das Engagement des Einzelnen ausüben und wie dieses Engagement (durch die Führungskräfte) ‚hervorgebracht’ und gefördert werden kann.

Im sozialen Bereich wird Anerkennung dagegen zumeist außerorganisational diskutiert – unter Themen wie ‚Toleranzlernen’, ‚Demokratiepädagogik’, ‚Anti-Diskriminierungsarbeit’, ‚Interkulturelles Verstehen’, ‚Pädagogik der Vielfalt’ usw. Im Blick stehen dabei in erster Linie die Adressaten der Sozialen Arbeit und die Frage, welchen Beitrag Soziale Arbeit leisten kann, um die sozialen Kompetenzen der (anderen) Menschen zu fördern, die für ein Zusammenleben auf Basis gegenseitigen Respekts notwendig sind. Der Organisationsstruktur oder der Person des Sozialpädagogen selbst wird dabei eher weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Zwar werden auch die Mitarbeiter bezüglich ihrer Fähigkeiten und Qualifikationen thematisiert, dennoch wird aufgrund ihrer Ausbildung und der angeblich ‚spezifischen Persönlichkeitseigenschaften des typischen Sozialpädagogen’ oftmals – wie selbstverständlich – davon ausgegangen, dass sie zum einen eine halbwegs ‚natürliche Begabung’ zur (bedingungslosen) Anerkennung des anderen besitzen und zum anderen selber kaum oder gar keinen Drang nach Anerkennung der eigenen Person verspüren.

Auch in der Philosophie ist das Phänomen der Anerkennung, trotz des allgegenwärtigen Charakters, vergleichsweise dürftig diskutiert. So finden sich zwar eine Unmenge an Werken, die sich mit dem Begriff des ‚Erkennens’ oder der ‚Erkenntnis’ auseinandersetzen, die ausdrückliche Betrachtung der ‚Anerkennung’ beschränkt sich dagegen jedoch auf die oben genannte überschaubare Anzahl an Titeln.

Anerkennung braucht eine fundierte Basis

Wo Anerkennung zum Thema wird (z.B. innerhalb einer Organisation), ist es zunächst wichtig zu klären, was sich hinter dem Begriff der Anerkennung eigentlich verbirgt. Wer es versäumt, eine gemeinsame Basis zu schaffen, wird früher oder später auf Barrieren stoßen, die den Prozess aufhalten, erschweren oder sogar sprengen können. In der Freiwilligenarbeit beispielsweise zeigen sich solche Konflikte oft in der Beziehung zwischen ehrenamtlich und hauptamtlich Beschäftigten – weil Hauptamtliche die Befürchtung haben an Wert zu verlieren, weil  Ehrenamtliche das Gefühl haben bloß ‚billige Handlanger’ zu sein, weil Anerkennung lediglich zum Thema der (angeblich autarken) Freiwilligengemeinschaft wird und die Bedürfnisse anderer Organisationsmitglieder damit unbeachtet bleiben usw.

Die Beschäftigung mit der Anerkennungskultur einer Organisation ist kein Ad-hoc-Verfahren, das zwischen Tür und Angel eingebettet werden kann, sondern benötigt eine intensive Auseinandersetzung. Auf die Grundlagen hierzu werde ich deshalb in späteren Artikeln näher eingehen.

Literaturhinweise:

Honneth, Axel: Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Frankfurt 1994.
Ricoeur, Paul: Wege der Anerkennung. Frankfurt 2006.
Dewey, John: Demokratie und Erziehung. Eine Einleitung in die philosophische Pädagogik. Weinheim 2000.

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