Öl ins Feuer um die Diskussion der Familienhilfe goss der Berliner Tagesspiegel durch eine Artikel-Serie vom 22. und 23. August10, in der die gegenwärtigen kostenintensiven Strukturen der „Familienhilfe-Industrie“ scharf angegangen und Zweifel an den Konzepten und der Rechtschaffenheit (Stichwort: „Korruption“) der freien Träger in den HZE genährt wurden.
Zwei Tage später stellte der Hamburger Sozialsenator Scheele in einer Pressekonferenz ein neues Konzept (.pdf) zur Weiterentwicklung und Steuerung der Hilfen zur Erziehung vor. In dem Papier wird deutlich, welche Schwerpunkte künftig in den Hamburger HZE gesetzt werden sollen: sozialraumorientierte Angebote statt Einzelfallhilfe, Prävention statt Intervention (Stichwort: „Frühe Hilfen“), Integration statt Ausgrenzung (Stichwort: „Anbindung an Regelinstitutionen“), Kooperation statt Nebeneinander (Stichwort: „Vernetzung“), Selbständigkeit statt Abhängigkeit (Stichwort: „Empowerment“), mehr Handlungsspielraum für öffentliche Jugendhilfeträger.
Sozialraumorientierte Konzepte, so heißt es konkret, sind dabei grundsätzlich förmlichen Erziehungshilfen vorzuziehen:
In einer Stellungnahme (.pdf) der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg e. V. (AGFW) vom 25. August 2011 wird der Vorstoß der Sozialbehörde zwar begrüßt, der AGFW gibt aber zu bedenken, dass die gestiegenen Kosten und Fallzahlen nicht dem System freier Hilfen an sich zuzuschreiben sind, sondern „mit der höheren Aufmerksamkeit beim Kinderschutz und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Familien“ zu tun haben.
Auch die Landesarbeitsgemeinschaft für Erziehungsberatung Hamburg (LAG) äußert sich in einer Stellungnahme (.pdf) kritisch zum Vorgehen des Senats und rügt insbesondere dessen Verzicht auf eine fachlich und wissenschaftlich begründete Argumentationslinie. Dadurch, so heißt es, liegt der Verdacht nahe, „dass nicht die qualitative Verbesserung des Jugendhilfesystems, sondern die Kostenreduktion der eigentliche Motor der Umstrukturierung ist.“13
Der Vorstand der GEW-Saarland mahnt in einem Artikel14 der gewerkschaftlichen „Zeitschrift für Erziehung und Wissenschaft im Saarland“ vom Oktober 2011 daher mehr „Transparenz und Fachdiskussionen“ an und plädiert für eine wissenschaftliche Auswertung bereits vorhandener Alternativmodelle in den HZE.
Zwar wäre es falsch, von diesen „schwarzen Schafen“ gleich auf das gesamte System der freien Träger zu schließen, dennoch hat die Öffentlichkeit durchaus ein Recht zu erfahren, „was mit dem Geld geschieht, das freien Trägern zur Durchführung von Angeboten und Leistungen der Jugendhilfe gegeben wird.“
Eine stärkere Einbringung der Professionellen in die öffentliche Diskussion sei daher angebracht.15
=> Weiterlesen: Teil 3: Familienhilfe mit neuer Perspektive: Vom Fall zum Feld
Anmerkungen:
10: Quelle: Tagesspiegel vom 22.08.2011 http://www.tagesspiegel.de/berlin/hilflose-helfer-wenn-politik-den-missstand-verwaltet/4527696.html und http://www.tagesspiegel.de/berlin/die-traeger-bewilligen-sich-das-geld-selbst/4528106.html sowie 23.08.2011 http://www.tagesspiegel.de/berlin/hilfe-zur-selbstbedienung/4528930.html
11: Quelle: http://www.hamburg.de/contentblob/3035796/data/hze-konzeptionelle-weiterentwicklung.pdf
12: Quelle: http://www.agfw-hamburg.de/download/PM_Hilfen_zur_Erziehung_25082011.pdf
13: Quelle: http://www.erziehungsberatung-hamburg.de/resources/Stellungnahme+LAG-Vorstand+30.8.2011.pdf
14: Quelle: Hocke, N./Eibeck, G.: Hilfen zur Erziehung stärken, statt Rechtsansprüche abbauen. In: Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) im DGB, Landesverband Saarland, Saarbrücken 10/2011, S. 12-13. http://www.gew-saarland.de/aktu_leiste/EuWiS_10-2011.pdf
15: ebd.
