Es ist erstaunlich, auf wie viele unterschiedliche Arten man über Geld sprechen kann. Gerade zur Vorweihnachtszeit. Die Moderatorin im Radio erzählt von einem millionenschweren Lottogewinn. „So ein Glückspilz…“, seufzt sie begehrlich ins Mikrofon.
Kurze Zeit später berichtet sie, ein anderer Mann hätte eine lebenslange Rente gewonnen. Und das kurz vor Weihnachten! „Der feiert bestimmt ein rauschendes Fest“, ruft die Moderatorin begeistert – und seufzt schon wieder.
Und dann die Sache mit der Kita. Diebe sind nachts in eine Kita eingestiegen und haben mit ihrer Beute das Weihnachtsfest zerstört. Schokolade, Geschenke… Alles weg. Ohne Zweifel, das ist wirklich charakterlos! Der Reporter fragt die aufgeregten Kinder, welchen Wunsch sie nun hätten. „Ganz viele Geschenke“ sagt eines der Kinder. Die Kita selbst wird als „ärmste Kita der Stadt“ tituliert, im Hintergrund dudelt Musik aus einer Mischung von Jurassic Park und Forrest Gump. Es dauert nicht lange, bis die Spendenlawine rollt. Geschäftsmänner beteuern live im Radio ihr Mitgefühl und werben nebenbei ganz selbstverständlich fürs eigene Unternehmen. Die Leiterin der Kita bedankt sich mit einem Anschein von Hysterie für so viel Anteilnahme. Und die Kinder selbst stehen mit einem Haufen Spenden da, an denen locker zwei weitere Kitas teilhaben könnten. Zumindest wirkt das Ganze reichlich übertrieben.
Oder norwegische Butter. In Norwegen, so heißt es, herrscht derzeit Butter-Notstand. Der norwegische Butter-Monopolist hat sich verkalkuliert und zu wenig Butter produziert. Jetzt haben die Norweger keine Butter mehr und können keinen Kuchen backen. 
Deshalb gibt es inzwischen einen richtigen Butter-Schwarzmarkt, auf dem das halbe Pfund Butter zwischen fünf und fünfzehn Euro gehandelt wird. Bei uns kostet das Stück Butter unter einem Euro. „Wir sollten nach Norwegen fahren und unsere Weihnachtskasse aufbessern“ schlägt die Moderatorin im Radio enthusiastisch vor. Irgendwie habe ich das Gefühl, sie meint diesen Vorschlag tatsächlich ernst.
Und natürlich die Banken. Vor Weihnachten quillt mein E-Mail-Postfach standardmäßig über, mit Angeboten für lauter schöne Dinge, ohne die ich angeblich nicht leben kann. Oder ohne die ich schlecht dastehe, wenn es darum geht, sich mit der Verwandtschaft unterm Christbaum zu messen. Dieses Jahr, finde ich, ist die E-Mail-Flut zahlenmäßig noch stärker angestiegen. Ob es damit zusammenhängt, dass die Deutschen im Jahr 2011 angeblich viel konsumfreudiger sind als in den Jahren zuvor? Weil sie ihr Geld gerne in Materielles investieren, anstatt es auf den Konten zweifelhafter Banken zu verspielen?
Die Grüße nicht zu vergessen. Ich finde es aufmerksam, wenn man mir Weihnachtsgrüße sendet. Selbst wenn es offizielle oder standardisierte sind. Getrübt wird meine Aufmerksamkeit allerdings, wenn jede formale Geste direkt an einen Spendenaufruf gekoppelt ist. Das psychologische Paradox, nach dem ein teures (wertvolles) Geschenk durch ein zusätzliches günstiges (weniger wertvolles) Geschenk entwertet wird, hat kürzlich dieser schöne Artikel auf Spiegel-Online beschrieben.
“When bankers get together they talk about art. When artists get together, they talk about money.” hat Oscar Wilde gesagt. Soziale Organisationen sprechen auch viel über “money”. Und kaum noch über „arts“. Die Professionalisierung des monetär ausgerichteten Fundraisings, die in den letzten Jahren stetig zugenommen hat, ist nur ein Beispiel dafür. Was aber ist mit den „arts?“ Vom Fundraising zum Ressource-raising, hat Brigitte Reiser vor einer Weile auf ihrem Blog notiert und übt Kritik, dass Unterstützer gemeinnütziger Organisationen gemeinhin auf bloße „Geldspender“ reduziert werden. Ein Weihnachtsgruß, in dem nicht um eine Geldspende, sondern um eine Spende an Wissen oder Erfahrung gebeten wird? Damit könnte ich mich arrangieren.
Was das Geld angeht, ist Georg Simmel wohl nach wie vor aktuell: „ […] indem das Geld alle Mannigfaltigkeiten der Dinge gleichmäßig aufwiegt, alle qualitativen Unterschiede zwischen ihnen durch Unterschiede des Wieviel ausdrückt, indem das Geld, mit seiner Farblosigkeit und Indifferenz, sich zum Generalnenner aller Werte aufwirft, wird es der fürchterlichste Nivellierer, es höhlt den Kern der Dinge, ihre Eigenart, ihren spezifischen Wert, ihre Unvergleichbarkeit rettungslos aus.“1
Ist das (m)ein Plädoyer gegen Geld? Nein, sicher nicht. Dafür bin ich selbst viel zu pragmatisch. Eher ist es (m)ein Plädoyer für mehr von Oscar Wildes „arts“.
In diesem Sinne: Frohe Weihnachten. Und einen guten Rutsch ins Neue Jahr

1: [via: http://socio.ch/sim/verschiedenes/1903/grossstaedte.htm]
Artikel, die dich auch interessieren könnten: