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Anerkennung in der Pflege: Wie viel ist gute Pflege wert? (Workshop-Bericht)

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„Die Situation ist erschreckend. Die Pflegenden gehen nicht auf die Straße, sie gehen aus dem Beruf“, resumiert Marita Mauritz vom deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) gestern auf dem Abschluß-Workshop des Projekts PflegeWert***. Die Bank für Sozialwirtschaft (BFS) hatte zum politischen Abend eingeladen. Dieser Einladung bin ich natürlich gerne gefolgt.

Gemeinsam mit Fachkräften, PraktikerInnen, WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen wurde die Frage diskutiert, welchen Wert die Pflege in Deutschland hat. Und wie es gelingen kann, Pflegeberufen die Wertschätzung zukommen zu lassen, die sie verdienen.

„Pflegekräfte lieben ihren Beruf. Trotzdem kommt auf drei offene Stellen nur noch ein Bewerber“

„Es gibt viele Investoren, die sofort drei neue Pflegeeinrichtungen bauen würden. Nur, wo nehmen wir die zukünftigen Mitarbeiter her?“ gibt Michael Isfort, Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (dip e.V.), zu bedenken. In manchen Regionen kommt auf drei offene Stellen im Pflegebereich nur noch ein Bewerber. „Gerade freiberufliche Pflegekräfte profitieren vom Fachkräftemangel“, sagt Isfort, „ihre Verhandlungsbasis war noch nie so gut wie heutzutage. Denn: Sie werden gebraucht“.

Obwohl die Beschäftigtenzahlen in der Pflege in den letzten Jahren gestiegen sind, ist die Mitarbeitergewinnung und –bindung nach wie vor eines der größten Problemfelder der Pflegebranche. Das Durchschnittsalter des Pflegepersonals liegt bei 45 bis 50 Jahren, gleichzeitig sinken die Zahlen potentieller Nachwuchskräfte. Steigende Arbeitsanforderungen und –belastungen, geringe Entlohnung (gerade durch Teilzeitbeschäftigung) und der vermehrte Konkurrenzdruck zwischen den Einrichtungen machen den Pflegeberuf für junge Menschen nicht sonderlich attraktiv.

Dabei lieben die meisten Pflegekräfte ihren Beruf. „Sie weisen eine überaus hohe Identifikation mit ihrer Berufsgruppe und ihrer Tätigkeit auf“ sagt Isfort, „Diese Identifikation muss ernst genommen werden.“ Um die Qualität der Pflege langfristig zu gewährleisten, ist es daher wichtig zu fragen: Wie können diese inneren Kräfte der Mitarbeiter gestärkt werden?

„Zwei Schlüsselfaktoren für Wertschätzung: Vertrauen und vorbildliche Führungskräfte“

„In der modernen Arbeitswelt ist Wertschätzung ein zentraler Bestandteil“ sagt Franz J. Stoffer, Geschäftsführer der CBT GmbH Köln, aus Sicht der Praxis. Die Ansprüche gerade jüngerer Generationen an ihre Arbeitstelle verändern sich. Die ehrliche Anerkennung der eigenen Leistung, eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe und das Erleben von Sinn in der Arbeitstätigkeit werden immer wichtiger.

Für Stoffer hat das Verhalten der Führungskräfte maßgeblichen Einfluss darauf, ob und wie sich MitarbeiterInnen wertgeschätzt fühlen und wie zufrieden sie sind. „So wie man innen miteinander umgeht, wird man auch von außen wahrgenommen“, sagt Stoffer. „Notwendig ist vor allem ein ganzheitliches Denken: Was leistet der einzelne Mitarbeiter am Ganzen? Diese Leistung muss sichtbar gemacht werden.“ An erster Stelle gilt es daher, an vorhandene Stärken anzuknüpfen und nicht ständig auf die Schwächen zu schauen.

Die Schlüsselgröße zu mehr Wertschätzung sieht Stoffer im Vertrauen – sowohl untereinander als auch in die Einrichtung selber. „Dieses Vertrauen muss sich die Pflegebranche erst wiedergewinnen“, sagt Stoffer. Die größte Hürde für Vertrauensaufbau sieht er in der Bürokratie. Der unverhältnismäßig große bürokratische Aufwand verschlingt Ressourcen, die für die eigentliche Arbeit, die Beziehungsarbeit, notwendig wären.

Pflegende erhalten Wertschätzung zum großen Teil über die Qualität der Beziehungen, doch gerade für die Beziehungen bleibt in der Praxis kaum noch Zeit. Dadurch leidet vor allem eine wesentliche Stärke der Mitarbeiter: die Liebe zu ihrem Beruf. „Die Motivation und Identifikation der Mitarbeiter muss genutzt werden“, sagt auch Stoffer, „Aber eben nicht als Ansporn, noch mehr Leistung in derselben Zeit zu erbringen.“

„Nicht mehr jammern und klagen. Sondern sagen: Pflege ist gut und stark.“

Wertschätzung bewegt sich in einer Einrichtung auf vielen Ebenen. Überall, wo Menschen miteinander in Beziehung stehen, spielt auch die gegenseitige Anerkennung eine Rolle.

Was Einrichtungen konkret unternehmen können, um die Anerkennungskultur positiv zu verändern, veranschaulicht Malte Duisberg, Geschäftsführer EvA Gemünd, anhand eines Handlungsmodells, das in seiner Einrichtung erfolgreich erprobt wurde:

Wertschätzung: Handlungsmodell (c by Michael Isfort)

An erster Stelle stehen Reflexion und Sprache. „Wie reden wir eigentlich? Worüber sprechen wir?“, fragt Duisberg, „Nicht sagen: Frau Meier geht es heute schlecht. Sondern: Frau Meier geht es heute nicht so gut.“

Die zweite Ebene bildet die Rückmeldung. „Wichtig ist es, das Lob sichtbar zu machen. Also wirklich aufzuschreiben.“ Dabei erweist es sich oft schon als schwierig, überhaupt ein Lob zu geben. Deshalb: Loben muss auch gelernt sein.

An dritter Stelle steht die Mitarbeiterentwicklung. „Nicht für jeden ist eine Leitungsposition frei. Also müssen wir überlegen, welche Qualifikationen und Spezialisierungen sonst gebraucht werden“ so Duisberg. „ Das kann zum Beispiel der Diabetes-Profi sein oder der Anleiter.“ Gleichzeitig müssen Qualifikationen und auch Möglichkeiten zum Quereinstieg gefördert werden.

Die vierte Ebene bildet das Gesundheitsmanagement: Zwar gehen physische Erkrankungen in den letzten Jahren zurück, psychische Erkrankungen – wie Stresssymptomatiken, depressive Verstimmungen bis hin zum Burn-Out – nehmen unter Pflegekräften dagegen zu: „Wichtig ist es daher zu fragen: Wie können wir die Mitarbeiter – gerade auch die älteren – im Beruf halten? Was trägt zu Gesundheit der Mitarbeiter bei?“.

Auf der fünften Ebene steht die Gesellschaft. Für Duisberg ist es bedeutend, dass gerade Führungskräfte sich verstärkt mit Öffentlichkeits- und Pressearbeit auseinandersetzen. „Wie wirken wir? Wie gehen wir selber mit (auch negativer) Presseberichterstattung um? Wie funktioniert Presse überhaupt?“ Ein wichtiger Schritt ist es, weg von Skandalisierungen zu kommen und stattdessen positive Bilder von Pflege und Pflegeberufen über die Medien zu erzeugen: „Nicht mehr jammern und klagen. Sondern sagen: Pflege ist gut und stark.“

Um die Herausforderungen und neuen Aufgaben bewältigen zu können, ist für Duisberg aber auch klar: „Wir brauchen mehr Geld im System. Aber nicht, um in erster Linie ‚mehr zu verdienen’, sondern um mehr Fachkräfte zu gewinnen, die diese neuen Aufgaben bewältigen können.“ Entscheidend ist nicht die Quantität der Fachkräfte, sondern ihre Qualität: Pflege braucht nicht ‚irgendwen’, sondern Profis verschiedener Disziplinen.

„In der Pflege hat sich schon viel verbessert. Es ist aber noch vieles im Argen“

Die Resonanz zum Jahr 2011, dem „Jahr der Pflege“, ist unter den Teilnehmenden durchwachsen.

Mauritz (links): "Wir wollen bis zur Rente im Beruf bleiben können."

Marita Mauritz vom DBfK sieht die Bemühungen von Seiten der Politik sehr skeptisch: „Wir Pflegenden haben keine Geduld und keinen Nerv mehr. Wir wollen, dass unsere Autonomie in unserem Beruf ernst genommen wird.“  Handlungsbedarf sieht sie vor allem in der Qualität des Managements und einer adäquaten Förderung und Forderung der Pflegekräfte: „Wir wollen gesund bleiben und bis zu Rente in unserem Beruf arbeiten können.”

Auch für Herbert Weisbrod-Frey (ver.di) hat der Abbau der physischen und psychischen Belastungen oberste Priorität: „Den Fachkräften, die heute anwesend sind, ist das klar. Aber da draußen gibt es immer noch viele, denen das nicht klar ist. Und die Pflege als Immobilienwirtschaft begreifen.“

Womit sich die Politik zurzeit beschäftigt, erklärt Willy Zylajew, Bundetagsabgeordneter der CDU: „Derzeit wird gerechnet. Was sollen wir mit den Geldern, die zur Verfügung stehen, tun? Wo investieren wir sie?“ Und er gibt zu bedenken: „Wir haben noch kein Ergebnis. Aber klar ist jetzt schon: das Ergebnis wird nicht für alle zufriedenstellend sein.“

„Wertschätzung braucht Qualifikation. Und passiert nicht einfach so.“

In meinen Augen hat der Abend vor allem eines deutlich gemacht: Anerkennung und Wertschätzung entstehen nicht von alleine. Sie brauchen Menschen, die bereit sind, Anerkennung als wichtigen Teil der Organisationskultur zu begreifen und zu fördern. Gleichzeitig braucht es angemessener Strukturen und Ressourcen, die es ermöglichen, sich mit den Chancen und Herausforderungen eines wertschätzenden Umgangs überhaupt befassen zu können. Es ist erfreulich zu sehen, dass der erste Schritt getan wurde. Aber: es gibt noch viel zu tun.

Zum Schluß ist für mich aber auch eine andere Frage interessant und berechtigt: Inwiefern lassen sich Situation und Ansätze aus der Pflegbranche auf andere soziale Berufsfelder übertragen? Lohnt sich der Blick über den Tellerrand? Was können Erziehungs- und Bildungseinrichtungen, (Sozial)Pädagogik und Sozialarbeit aus den Entwicklungen der Pflegebranche lernen?

 

***Das Projekt PflegeWert ist ein Verbundprojekt aus der MA&T Sell & Partner GmbH, dem Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung e.V., der Caritas Betriebsführungs- und Trägergesellschaft GmbH und der Stiftung Evangelisches Alten- und Pflegeheim Gemünd gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Europäischen Sozialfonds. Es untersucht den Zusammenhang von Wertschätzung und Produzentenstolz in der Pflegebranche.

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