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Müssen Sozialarbeiter bescheiden sein?

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Müssen Sozialarbeiter bescheiden leben und verzichten können? Diese Frage stelle ich mir, seitdem ich gestern einen Aufsatz1 vom ehemaligen Wiesbadener Caritasdirektor Paul Zöller gelesen habe. Und obwohl der Aufsatz aus den 90ern ist und ich das Buch vor der Vereinsamung auf dem Wühltisch gerettet habe, finde ich die Fragestellung aktueller denn je.

In seinem Beitrag Zwischen Sammelbüchse und PC? Dienstleistungsmanagement in sozial-karitativen Organisationen berichtet Zöller über seine Erfahrungen mit Modernisierungsmaßnahmen, die in dem damals finanziell angeschlagenen Caritas-Ortsverband notwendig wurden. Im Prozessverlauf wurden nicht allein strukturelle Veränderungen diskutiert, sondern auch die Frage nach der zukünftigen Ausrichtung des Verbandes, nach dem Image, dem Führungsverständnis oder dem internen Codex, dem die Mitarbeiter verpflichtet sind.

Zöller berichtet beispielhaft von einer Stellenanzeige (Position: Abteilungsleiter), die er unter Marketing-Aspekten verfasst und in einer Zeitung veröffentlicht hatte.

Über die Reaktionen auf die Anzeige schreibt er:

„In den folgenden Wochen wurde ich mehrfach […] auf diese Anzeige angesprochen. Man gab mir zu verstehen, daß sie in Aufmachung und Sprachstil eher zu einem Wirtschaftsunternehmen, auf keinen Fall aber zu einem Caritasverband passe. […] Auch die Höhe der Dotierung hielten einige Gesprächspartner für unangemessen. Teilweise wurde die Anzeige als Provokation empfunden. Mit durchaus aggressivem Unterton wurde die Frage gestellt, ob im Caritasverband Wiesbaden der Reichtum ausgebrochen sei.“2

Die Art und Aufmachung der Stellenanzeige, so muss man aus heutiger Perspektive sagen, gehört mittlerweile zum Standard und findet sich in jeder Tagesszeitung.  Auch die erwähnte Vergütung war nicht überzogen, sondern entsprach den geltenden Tarifen. Damals schien die Anzeige jedoch die Grundfeste karitativer Arbeit zu erschüttern. „Für einen Caritasmitarbeiter“, so bekam Zöller zu hören, „würden bescheidenere Maßstäbe gelten.“3

Bescheidenheit hat in der Sozialarbeit eine lange Tradition. Sozial-karitatives Handeln ist geprägt von jahrhundertealter christlicher Barmherzigkeit und freiwilligem bürgerlichen Engagement. Erst mit der Professionalisierungswelle seit den 60er Jahren wandelte sich das freiwillige Engagement zunehmend zur Berufstätigkeit. Viele Wohlfahrtsverbände und soziale Vereine, die heute mitunter Konzerngröße erreichen, fußen auf dem einstigen Zusammenschluss engagierter Bürger.

Diese Tradition der Bescheidenheit ist bis heute in der professionellen Sozialen Arbeit aktiv. Sozialarbeiter sollen – nein, müssen – sich und ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen bzw. runterschrauben. Das Wohl der Klienten oder der ‚guten Sache’ hat Vorrang.

Zöller schreibt dazu: „Sozialberufe sind heute ganz normale Erwerbsberufe. Ihre Inhaber verbinden damit die üblichen Anforderungen bzgl. Fachlichkeit, Einkommen, Karriere und Arbeitsplatzgestaltung. Daraus resultiert ein Spannungsverhältnis zu dem Verbandsmilieu, das von der Tradition der Ehrenamtlichkeit geprägt ist. Von den Mitarbeitern wird ein über den reinen Job hinausgehender sozialer Mehrwert erwartet (z.B. als unbezahlte Überstunden, als ehrenamtliche Zuarbeit, als Verzicht auf Aufstiegsmöglichkeiten). Professionalität ist aus dieser Sicht von zweitrangiger Bedeutung. Wichtig ist zunächst einmal der gute Wille. Die Nähe zum Klienten verbietet es, besondere Ansprüche und Anforderungen zu stellen. Wer sich um Bedürftige kümmert – so die unterschwellige Erwartung – sollte sich mit dem Notwendigsten bescheiden.“4

Welche Ansprüche darf ein Sozialarbeiter demnach haben (auch an sich selbst)? Folgt man dem Verständnis von Bescheidenheit, das Zöller beobachtete, so folgen diese Ansprüche zwei Gesetzmäßigkeiten:

a)      Die Vergütung von Sozialarbeitern richtet sich nach dem, was angemessen ist, abzüglich dem, was die Bescheidenheit fordert. Weil: Notwendig ist stets weniger als angemessen.
b)      Je bescheidener (richtig: mittelloser) die Klientel ist, desto größer muss auch der Verzicht auf Seiten der Profis sein.

Psychologisch gesehen, ist eines der wesentlichen Merkmale von Bescheidenheit, dass sie freiwillig gelebt wird. Bescheidenheit ist der freiwillige Verzicht auf das, was man selbst als überflüssig empfindet. Ich kann aber nur auf etwas verzichten, das ich auch besitze. Das heißt, bevor ich verzichte, muss ich die Möglichkeit haben, etwas, was mir zusteht, freiwillig nicht haben zu wollen. Die Bescheidenheit, die Zöller beschreibt, basiert nicht auf Freiwilligkeit. Sie wird alternativlos vorausgesetzt. Damit wird sie zur Demut oder Unterwürfigkeit.

Den Zeiten knapper Kassen kommt ein System aus „falscher Bescheidenheit“ natürlich sehr entgegen. Abrackern, Überstunden schieben, die niedrigsten Löhne akzeptieren. Alles für die Bescheidenheit. Für die Klienten. Oder für die gute Sache. Wer es wagt einen angemessenen Lohn zu fordern, wer sich weiterbilden möchte oder gar Kritik am Führungsstil äußert, lehnt sich gegen das Prinzip der Bescheidenheit auf. Ist mitunter selbstsüchtig, nicht an den Klienten interessiert, bestenfalls naiv.

Das Ausmaß dieser „falschen Bescheidenheit“ nimmt jedoch mitunter groteske Züge an. Es ist wirklich erstaunlich (und auch bewundernswert), welche Last so mancher Sozialarbeiter erträgt und wie bedingungslos akzeptiert wird, wenn Vereine nur notdürftig funktionieren. Sozialarbeiter sollen Menschen dabei helfen, Leid zu lindern. Sie sollen ihnen das Leid nicht abnehmen, wie einen Mantel, und sich selbst überwerfen.

Sozialarbeiter oder Pädagoge sind heutzutage ganz normale Berufe, wie andere Berufstätigkeiten auch. Sie sind weder freiwilliges Engagement, noch Zeichen karitativer Barmherzigkeit. Sie sind mitunter hochprofessionalisiert und spezialisiert. Genauso wie es die Organisationen (oder Unternehmen) sind, in denen sie stattfinden.

Die Nähe und Überschneidung von sozialer Berufstätigkeit und sozialem Engagement macht es jedoch schwierig, zwischen beiden Bereichen eindeutige Trennlinien zu schaffen. Soziale Arbeit als professionelle Berufstätigkeit, braucht m. E. aber genau diese Trennlinie, um über reines Engagement hinauszukommen. Genauso wie das professionalisierte freiwillige Engagement die Trennlinie braucht, um nicht bloß zur unbezahlten Handlangertätigkeit zu verkommen.

In welche Richtung es den sozialen Sektor zukünftig treiben wird, ist momentan nicht abzusehen. Möglich ist alles. Zöller zufolge ist eines jedoch offensichtlich: Soziale Arbeit ist eine Profession. Sie lässt sich verantwortungsvoll nicht mehr so führen, „als ginge es immer noch um die Verteilung einer milden Gabe aus der Sammelbüchse“5

 

Quellen:

1 Zöller, Paul: Zwischen Sammelbüchse und PC? Dienstleistungsmanagement in sozial-karitativen Organisationen. In:  Biehal, Franz (Hrsg.): LeanService. Dienstleistungsmanagement der Zukunft für Unternehmen und Non-Profit-Organisationen. Wien 1993, S. 176 – 192.
2 ebd. S. 178
3 ebd. S. 178
4 ebd. S. 179
5 ebd. S. 179

 

Titelbild © CFalk by pixelio.de

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