Die Debatte um universitäre „Elfenbeintürme“ ist natürlich nicht neu. Durch Open Sciences, also „öffentliche Wissenschaften“, bekommt sie hierzulande jedoch wieder Aufwind. Auf dem Blog von Ikosom, dem privaten Institut für Kommunikation in sozialen Medien, war kürzlich zu lesen, dass sich das Institut zukünftig voll und ganz nach dem Ansatz des Open Science ausrichten wird. Wie genau dieser Wandel ablaufen soll, welche Methoden eingesetzt werden können, wie öffentliche Forschung erfolgreich sein kann usw. ist noch offen und soll nun gemeinsam geklärt werden.
Aber, so habe ich mich nach dem Lesen des Beitrags von Ikosom gefragt, ist nicht gerade dieses fehlende Wie, das Offene, das Prozesshafte, also das öffentliche Bekenntnis etwas noch nicht zu wissen und gemeinsam dieses Wissen zu erarbeiten genau das, was Open Sciences ausmacht?
Und weiter: Passen Open Sciences damit nicht wunderbar zur Sozialen Arbeit?
Open Sciences: Wissen vernetzen, statt stapeln!
Der Reihe nach: Was meint überhaupt „Open Science“?
Was genau Open Science ist, lässt sich nur schwer auf den Punkt bringen. Grob gesagt, geht es in den Open Sciences darum, den wissenschaftlichen Forschungsprozess (über das Internet) öffentlich zu machen und das Wissen der Öffentlichkeit wiederum in die Forschung mit einzubeziehen. Das kann zum Beispiel geschehen, in dem ein Wissenschaftler einen Blog schreibt, um seine aktuellen Forschungen zu dokumentieren und gleichzeitig die LeserInnen einlädt, sich über den Blog mit eigenen Gedanken und Ideen an dem Forschungsprozess zu beteiligen. Christian Spannagel, zum Beispiel, ist einer der wenigen Wissenschaftler in Deutschland, die nach dem Open Science-Ansatz forschen.
Ein ähnlicher Ansatz findet sich in der Open Access-Bewegung. Open Access meint den freien Zugang zu wissenschaftlicher Literatur im Netz. Dabei geht es nicht etwa um die Aushebelung von Urheberrechten, sondern um die Ansicht, dass eine wissenschaftliche Forschung, die von der Öffentlichkeit finanziert wird, ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit kostenlos wieder zugänglich machen muss. Das Online-Journal eleed der FernuniHagen oder das Social Work and Society International Online Journal sind gute Beispiele für Open Access.
Anders als in den Open Sciences werden beim Open Access jedoch nur die Ergebnisse der Forschung veröffentlicht. Der Forschungsprozess selbst findet nach wie vor (zumindest meist) hinter verschlossenen Türen statt. Zwar werden dem Interessierten „Normalbürger“, der Praktikerin oder dem freien Wissenschaftler dank Open Access die Erkenntnisse der WissenschaftlerInnen zugänglich, sie selber haben aber kaum eine Möglichkeit, ihr Wissen/ihre Ideen/Impulse zeitgleich in die Forschung mit einzubringen. Auf der anderen Seite haben die WissenschaftlerInnen der Forschungseinrichtungen kaum Gelegenheiten, ihre Ideen anhand der Praxis zu überprüfen. Diesen Graben will Open Science aufheben.
Open Sciences stellen den herrschenden Wissenschaftsbetrieb in Frage
Anders als es zunächst klingt, ist Open Science nicht einfach eine neue Methode oder ein neues Konzept. Wer Wissenschaft von Anfang an für jede/n öffentlich machen will, stellt grundlegende Perspektiven der herrschenden Wissenschafts-Kultur infrage. Es geht also nicht um ein neues Forschungsdesign oder die Erkenntnis, dass auch die Allgemeinheit an Wissen interessiert ist (a la „Wer wird Milionär?“). Vielmehr geht es um eine veränderte Perspektive auf das, was Wissenschaft ist. Was sie leisten soll. Mit wem sie es leisten soll. Für wen sie es leisten soll. Und wo sie es leisten soll.
Die Debatte um Open Sciences fördert eine Vielzahl an Fragestellungen zutage, über die diskutiert werden muss:
- Wie viel Wert hat das Wissen des „einfachen“ Bürgers oder der Praktikerin für die Forschung?
- Gefährden WissenschaftlerInnen ihre Karriere, wenn sie Forschungen öffentlich stellen?
- Wie damit umgehen, wenn in der Forschung ein Fehler unterläuft, den jeder öffentlich sehen kann?
- Können die BürgerInnen die „echte“, hochspezialisierte Wissenschaft überhaupt verstehen?
- Haben WissenschaftlerInnen überhaupt ein Interesse daran, sich in den Dienst der Gesellschaft zu stellen?
- usw.
In den Diskussionen über Open Sciences, z.B. hier auf Zeit-Online oder hier auf Telepolis, lässt sich gut die Vielschichtigkeit erkennen, die in der Debatte mitschwingt.
Gerade die Wissenschafts-Karriere spielt beim pro oder contra Open Science eine wichtige Rolle. Wissen ist Macht, hat Francis Bacon einst gesagt. Und auch wenn Bacon damit die Macht des Menschen über die Natur meinte (und nicht die Macht des Wissenden über den Unwissenden), so besitzt sein Ausspruch im heute gebräuchlichen Verständnis seine volle Gültigkeit. Wer in der heutigen Wissenschaft (oder auch in der Wissensgesellschaft) Karriere machen will, braucht die Macht des gut gehüteten Wissens (egal, ob eigenes Wissen oder das der Peer-Group). Muss zur richtigen Zeit im richtigen Fachmagazin veröffentlichen. Darf nicht den zeitintensiven Unsinn wagen, auch noch das „gemeine Volk“ an der Forschung zu beteiligen. Und muss befürchten, bei unvorsichtiger Preisgabe des Wissens, seine Existenz auf Spiel zu setzen (weil ein lachender Dritter sich mit Plagiaten als Platzhirsch profiliert). Zu diesem Dilemma der Forschenden hat Gabi Reinmann beispielsweise vor einiger Zeit einen Blogbeitrag über die „Stabhochsprung-Talente“ der Wissenschaft geschrieben.
Und auch die umfangreiche Studie über „Karrierewege von ProfessorInnen in Deutschland“ wirft kein gutes Licht auf den Wissenschaftsbetrieb: das eigene Können oder die innovative Idee sind für die wissenschaftliche Karriere eher zweitrangig. Die richtigen Beziehungen und das Glück, sich bis zum Professorentitel finanziell über Wasser halten zu können, sind deutlich mehr wert.
In einem staatlich geförderten Wissenschaftssystem, das sich augenscheinlich mehr über Reputation, Reproduktion, Autoritätshörigkeit und Konkurrenz definiert und das gerade für Nachwuchswissenschaftler eine hart umkämpfte Ochsentour bedeutet, rüttelt die Forderung nach einer offenen Wissenschaft, einer „Wissenschaft für alle“, natürlich an sicheren Gemäuern.
Fehler zugeben? Veröffentlichen, bevor das Prädikat „geprüft“ auf die Ergebnisse gestempelt wurde? Zulassen, dass sich Externe in die Forschung einmischen? Aus Sicht derjenigen, die vom momentanen Wissenschaftssystem profitieren, sicherlich undenkbar. Aus Sicht einer Wissenschaft, die sich der Gesellschaft nicht verschließen möchte und neue Wege ausprobiert, unbedingt notwendig!
Grenzen und Möglichkeiten von Open Sciences
Sicherlich: Auch in den Open Sciences gibt es Grenzen. So geht es z.B. nicht darum Wissenschaft zum Objekt von „Big Brother“ zu machen und jeden noch so kleinen Gedanken an die große Glocke zu hängen. Gedanken müssen sortiert werden und reifen können. Dafür braucht es auch weiterhin Orte, in denen das Nachdenken und Experimentieren ungestört möglich ist.
Und vielleicht lässt sich die Perspektive der offenen Wissenschaft auch nicht auf jede Wissenschaftsdisziplin oder Forschungseinrichtung bedingungslos anwenden.
Aber: Ein mathematisches Problem auf dem eigenen Blog beschreiben und Interessierte dazu einladen, an der Lösung der Formel mitzuarbeiten? Warum nicht!
Eine zündende Idee für ein Forschungsprojekt öffentlich teilen, für dessen Realisierung man selber eh keine Zeit hat? Unbedingt!
Den Verlauf eines sozialen Projekts öffentlich dokumentieren und die BürgerInnen ermuntern, an der Realisierung des Projekts mitzuwirken? Ja!
offene Projekte - Projekte veröffentlichen
Open Sciences in der Sozialen Arbeit
Speziell für die Erziehungs-, Bildungs- und Sozialarbeitswissenschaften sind die Möglichkeiten von Open Sciences m. E. immens weit. Zum Ersten, weil wir es hier mit Wissenschaften zu tun haben, die (ebenso wie Open Sciences) in ihrer Grundausrichtung prozesshaft, systemisch, situativ und individuell sind. Zum Zweiten, weil sie (ebenso wie Open Sciences) immer mit und für den Menschen arbeiten. Zum Dritten, weil diese Wissenschaften (und die sich ergebenden Dienstleistungen) zu einem großen Teil öffentlich finanziert werden - und sie somit der Verpflichtung unterliegen, ihre Forschungen zugänglich zu machen.
Für die Soziale Arbeit goldwert sind Open Sciences zum Beispiel überall dort, wo die „Projektitis“ ihr Unwesen treibt. Wo zig Vereine/Verbände/Forschungseinrichtungen an demselben oder einem ähnlichen Thema arbeiten, ohne sich untereinander und nach außen zu vernetzten. Wo jedes Projekt, jeder Erkenntnisprozess wieder bei Null anfängt, weil die Projektverantwortlichen eine öffentliche Dokumentation und Diskussion ihrer Prozesse scheuen. Wo Dienstleistungen für AnwohnerInnen, für SchülerInnen, für Kinder etc. entworfen werden, ohne eben diese in den Forschungsprozess miteinzubeziehen. Wo Projekte nach der Pilotphase eingestampft werden, auch weil die Verantwortlichen lieber „was eigenes“ geschaffen haben, als auf bestehendes (externes) Wissen aufzubauen.
Gar nicht auszudenken, was hier an Ressourcen (Wissen, Geld, Zeit, Energie, Motivation) verschwendet wird…
Um Open Sciences zu etablieren, braucht es einer veränderten inneren Einstellung zum Wissen und zur Wissenschaft. Und es braucht Menschen, die es für sinnvoll halten, die Wissenschaft zu öffnen. Die eine Forschung betreiben, die auch darauf basiert, am Entstehen zu sein. Die sich öffentlich auch als Prozess versteht, nicht nur als abgeschlossenes, vorzeigbares Ergebnis. Die auch Fehler machen und ausprobieren darf, ohne gleich in Schande zu verfallen. Die nicht nur Fakten, sondern auch Ideen und Visionen generiert. Die auch neugierig und risikobereit ist. Die Wissen auch vernetzt und nicht nur stapelt.
Open Sciences leben durch das Internet. Die Möglichkeiten zur Interaktion sind in der Netzgesellschaft vielfältiger denn je. Und die steigende Zahl an wissenschaftlichen und wissenschaftlich-interessierten Blogs, an Scientific Communities, Co-Working Spaces, OpenLabs etc. zeigt offen, wie es geht. Nachmachen erwünscht!
Gut, so einfach wie es sich anhört, ist es sicher nicht. Schließlich stoßen wir an dieser Stelle auf ein „altbekanntes Problem“, das u. a. hier auf dem Blog parallel diskutiert wird: Wie bringen wir die Kultur des Netzes (das für Open Science benötigt wird) mit der Kultur sozialer Organisationen/der Wissenschaftskultur überhaupt erstmal zusammen? Wo anfangen? Beim Huhn oder beim Ei?
Dennoch: Spannend für die Soziale Arbeit, für mich und die LeserInnen dieses Blogs ist es sicherlich:
Welche Projekte in der Sozialen Arbeit, die dem Open Science-Ansatz folgen, bestehen bereits?
Welche Möglichkeiten gibt es, um Theorie und Praxis, ForscherInnen und Interessierte besser über das Internet zu verbinden? Ideen oder Beispiele?
Bilder © by Thomas Siepmann und S. Hofschlaeger / pixelio.de
