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Wie bringe ich jemanden dazu, sich zu engagieren, anstatt fernzusehen? Beitrag zur #NPOblogparade

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Dies ist ein Beitrag zur aktuellen NPO-Blogparade »Freiwilliges Engagement attraktiver machen- aber wie?!« initiiert von Brigitte Reiser und Hannes Jähnert.

Nun… was macht das freiwillige Engagement attraktiver?

… wenn ich herausfinden möchte, was das freiwillige Engagement attraktiver macht, steht für mich zunächst eine andere Frage im Raum, die ich für sehr wichtig halte:

Was machen die Menschen, anstatt sich zu engagieren?

Ich verstehe es so: Wenn man herausgefunden hat, was die Menschen in ihrer potentiellen Engagementzeit tun, erhält man Hinweise darauf, wie sie motiviert werden können, etwas anderes zu tun – nämlich sich tatsächlich zu engagieren.

Faulenzen oder Engagieren?

Wie überzeuge ich jemanden sich zu engagieren, anstatt…
… fernzusehen?
… am Stammtisch zu diskutieren?
… sich zu langweilen?
… im Internet zu surfen?
… mit Freunden zu feiern?

Das Engagement, so kann man sagen, konkurriert! Und zwar mit einer Tätigkeit, die den potentiellen Engagement-Raum bislang ausfüllt. Man könnte es so formulieren:

Wer sich tatsächlich engagiert, verzichtet (auf etwas anderes).

Nur…auf was? Und warum verzichtet er (oder sie)?

Der Mensch – das ist leider so – ist ein Gewohnheitstier. Und in der Regel braucht es viel Energie und Überzeugungsarbeit, damit Menschen alte Gewohnheiten ablegen und stattdessen etwas Neues wagen.

Aus der Konsumforschung weiß man: Wer Persil kauft, kauft immer wieder Persil, auch wenn es dutzende andere Marken gibt, die gleichwertige oder bessere Ergebnisse erzielen. (Denn: Kann ich sicher sein, dass die anderen Waschmittel wirklich besser sind?)
Aus der Arbeitsforschung weiß man: Wer einen Job hat, mit dem er unzufrieden ist, wird diesen Job wahrscheinlich trotzdem nicht wechseln (Denn: Woher weiß ich, dass mich der neue Job zufriedener macht?).
Aus der Wahlforschung weiß man: Wer mitbestimmen möchte, kann dennoch Nicht-Wähler sein. (Denn: Woher weiß ich, dass meine Stimme wirklich zählen wird?)
Übertragen auf das Engagement könnte man sagen: Wer fernsieht, anstatt sich zu engagieren, wird seine Lieblingsserie sehr wahrscheinlich nicht einfach so gegen ein Engagement bei der Freiwilligen Feuerwehr eintauschen. (Denn: Woher weiß ich, dass das Engagement die bessere Freizeitgestaltung ist?).

Menschen, die sich engagieren, sind motiviert dazu, genau das zu tun (und nichts anderes). Einfach gesagt, lautet die Formel: Engagement braucht die richtige Motivation! Diese Motivation ergibt sich sowohl aus äußeren Anreizen (z.B. durch die Organisation oder durch gesellschaftliche Bedingungen) als auch aus dem inneren Antrieb der Freiwilligen selbst (z.B. der Organisation helfen oder an gesellschaftlichen Bedingungen etwas ändern zu wollen). Da das Engagement freiwillig geschieht, ist gerade der innere Antrieb ein wesentlicher Motor.

Es ist davon auszugehen, dass 1/3 der deutschen Bevölkerung potentiell bereit ist, sich zu engagieren. Doch obwohl diese Menschen offensichtlich eine innere Motivation zum Engagement verspüren, werden sie trotzdem nicht aktiv. Bezogen auf die Motivation bringt mich das zu drei Annahmen:

  1. Es gibt zu wenige externe Anreize.
  2. Die innere Motivation der Menschen ist nicht groß genug.
  3. Es gibt keine Übereinstimmung zwischen innerem Antrieb und externen Anreizen (sprich: das, was die Menschen wollen und suchen, passt nicht zu dem, was angeboten und unterstützt wird).

Nach der »Selbstbestimmungstheorie der Motivation« von Deci und Ryan (1985) beruht die intrinsische Motivation der Menschen auf der Verwirklichung von drei universellen Grundbedürfnissen:

  • Autonomie (d.h. relativ autonom bzw. selbstbestimmt handeln können),
  • Kompetenz (d.h. sich in seiner Kompetenz anerkannt fühlen und diese auch angemessen erwerben und einbringen können) und
  • Soziale Eingebundenheit (d.h. das Gefühl haben, dazuzugehören und Teil der Gruppe zu sein).

Je mehr diese drei Bedürfnisse erfüllt werden (oder potentiell erfüllt werden können), desto mehr wächst in dem Menschen die innere Motivation, wirklich aktiv zu werden. Werden diese Bedürfnisse dagegen gehemmt, sind die Menschen demotiviert und folglich auch weniger bereit, sich selbsttätig einzubringen.
Es ist davon auszugehen, dass Menschen, die sich langfristig und freiwillig engagieren, bezüglich ihrer Bedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit  ausreichend Bestätigung erfahren – während Menschen, die sich nicht engagieren oder ihr Engagement aufgeben, diese Bedürfnisse nur unzureichend befriedigt sehen. Daraus lässt sich schlussfolgern: Organisationen, die diese Bedürfnisse berücksichtigen und entsprechende externe Anreize setzen (z.B. durch Aufgabenprofile oder Engagementfelder), werden es einfacher haben, neue Freiwillige zu gewinnen und langfristig zu halten.

Ich möchte das Ganze etwas zuspitzen: Damit Menschen von alten Gewohnheiten loslassen und sich stattdessen freiwillig für eine gute Sache engagieren, müssen m. M. nach vier Voraussetzungen gegeben sein, die sozusagen als »Stein des Anstoßes« funktionieren:

  1. Eine Sache ist so unerträglich geworden, dass man sie unbedingt verändern möchte!
  2. Das Engagement ist so attraktiv, dass es sich lohnt, eine andere (konkurrierende) Aktivität dagegen einzutauschen!
  3. Es ist sehr einfach, das Engagement aktiv zu realisieren!
  4. Es besteht ein äußerer Zwang, das Engagement zu vollziehen (was für das freiwillige Engagement wohl nur eine Option ist, wenn 1. der Fall ist)

Ich behaupte, dass wenigstens zwei der vier Punkte erfüllt sein müssen, damit Menschen den Wunsch verspüren, sich aktiv zu engagieren.

Was bedeutet das für die Gewinnung von Freiwilligen?

Freiwilliges Engagement - ein Privileg der wut-bürgerlichen Mitte

Zu 1. (»Eine Sache ist so unerträglich geworden, dass man sie unbedingt verändern möchte!«):

Menschen engagieren sich nicht nur, weil sie Spaß haben oder sich persönlich entwickeln möchten. Sie engagieren sich, weil sie etwas ändern wollen – in ihrer Nachbarschaft, in der Gemeinde, in der Gesellschaft. Ein wichtiger Motor für das Engagement ist die persönliche Empörung oder Betroffenheit. Wer sich über etwas aufregt, wer etwas als ungerecht empfindet oder dazu beitragen möchte, dass eine Sache »besser« wird, ist eher bereit, alte Gewohnheiten abzulegen und stattdessen aktiv zu werden.

Empörung dockt überall dort an, wo das, was erreicht werden soll, (noch) nicht der Norm entspricht. Ein »empörungsfreundliches« Engagement ist daher kein Engagement der normgebenden Masse, sondern ein Engagement der »Peripherie«. Denn: Es basiert auf der Möglichkeit, Veränderungen zuzulassen und neue, auch von der Norm abweichende Wege zu gehen.

Das Problem ist: Freiwilliges Engagement ist in der Regel ein Privileg der »wut-bürgerlichen Mitte«. Es ist – salopp formuliert – gut geeignet, damit die »Mitte« vor ihrer eigenen Haustür kehren kann. Es ist aber weniger gut geeignet, um die Engagement-Bedürfnisse und Interessen derjenigen zu realisieren, die außerhalb dieser Mitte stehen (und ggf. auch an den bürgerlichen Normen etwas ändern wollen). Menschen, die sich aufgrund ihrer Empörung engagieren würden, bleiben unengagiert, weil sie weniger Angebote finden, die sie zur Erfüllung ihres Engagements wahrnehmen können (es sei denn, sie gründen diese Angebote selbst). Damit Empörung ein Motor für freiwilliges Engagement bleibt, braucht es mehr Chancen und Ressourcen für Initiativen und Engagementfelder, die sich abseits der »bürgerlichen« Norm bewegen (siehe hierzu auch den Beitrag von Hannes Jähnert). Die Frage ist doch: Wo stehen die 1/3 potentiell Engagierten? In der Mitte? Oder außerhalb davon?

Zu 2. (»Das Engagement ist so attraktiv, dass es sich lohnt, eine andere (konkurrierende) Aktivität dagegen einzutauschen!«)

Wer sich engagieren möchte, braucht äußere Anreize, es auch wirklich zu tun. Wenn ein Potentiell-Engagierter lieber fernsieht, reicht es nicht aus, das Engagement genauso attraktiv zu machen, wie die sonntägliche Lieblingsserie. Es muss besser sein! Sprich: Die Gewinne, die aus dem Engagement resultieren, müssen so attraktiv sein, dass sich das »Aktivwerden« und »Verändern« auch wirklich lohnt. Was ist (für diesen einen Engagierten) attraktiver als fernsehen? Was ist (für diesen anderen Engagierten) attraktiver als mit Freunden zu feiern? Um Freiwillige zu gewinnen, müssen Organisationen wissen, was einzelne Freiwillige wollen und sie müssen kommunizieren, was die Freiwilligen von ihnen erwarten können. Ein besonderes Augenmerk liegt hier auf der Realisierung der intrinsischen Motivation (s. o.)

Zu 3. (»Es ist sehr einfach, das Engagement aktiv zu realisieren!«)

Auch der motivierteste Mensch wird still sitzen bleiben, wenn er keine Möglichkeit sieht, wie er seine Energie und seinen Willen praktisch einbringen kann. Beim Engagement ist es wie bei der Sache mit den Waschmitteln: Ich bleibe meiner Marke treu – so lange, bis mir die Konkurrenz ein Angebot macht, das ich nicht ausschlagen kann. Oder wie die Sache mit der Zivilcourage: Wenn Menschen nicht direkt angesprochen werden, sehen sie weg und glauben, dass andere es schon richten werden.

Wer Freiwillige gewinnen will, darf nicht darauf warten, dass die Freiwilligen von sich aus kommen. Im Gegenteil: Organisationen müssen Freiwillige gezielt ansprechen und Angebote so platzieren, dass sie für die Freiwilligen unübersehbar und mit einem möglichst geringen Aufwand verbunden sind. Je weniger Zeit und Energie Freiwillige in die Suche nach einem geeigneten Engagement investieren müssen, desto eher werden sie bereit sein, diese Suche auch bis zum Ende durchzuziehen.

Zu 4. (»Es besteht ein äußerer Zwang, das Engagement zu vollziehen (was für das freiwillige Engagement nur eine Option ist, wenn 1. der Fall ist«)

Wenn sich jemand engagiert, nur weil die Gemeinde es von ihm erwartet, ist das zweifelsohne schön fürs Gemeinwohl. Aber ist das Engagement auch freiwillig? Darüber kann man sich streiten. Wie viel von dem Engagement ist selbst gewollt? Wie viel von außen erzwungen? Und welche Auswirkungen hat ein solches Engagement auf die Engagement-Qualität?

Langfristig gesehen, stehen Engagements, die auf Druck oder Zwang basieren, auf einem wackligen Fundament. Aber – das darf man nicht vergessen – Vorschläge, nach denen »Zwänge« eine ernstgemeinte Alternative für die Freiwilligen-Gewinnung darstellen, sind hierzulande leider nicht selten. Kann man Arbeitssuchende dazu zwingen sich zu engagieren? Kann ein Unternehmer von seinen Angestellten verlangen, sich für die gute Sache einzusetzen?

Rein unmenschlich gesagt: ein Engagement kann auch dann attraktiv werden, wenn es mir die Möglichkeit gibt, einer weitaus unattraktiveren Strafe zu entgehen. Nun… für mich jedenfalls, sind Zwang und freiwilliges Engagement zwei verschiedene paar Schuhe und gehören nicht zueinander! Mit einer Ausnahme: Wenn die Umstände so schlimm sind, dass sie einen förmlich dazu treiben, aktiv zu werden. Die Frage ist nur: Wo kann diese Empörung dann andocken (siehe Punkte 1 und 3)?!

 

Quellen:

Deci, E. L./Ryan, R. M. (1985): Intrinsic motivation and self-determination in human behavior. New York.

Bilder:

© by Dr.  Stephan Barth / pixelio.de

© by Rike / pixelio.de

 

 

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